Bewusstes Erbe. Der Experte für Kulturerbe und Berater für nachhaltiges Bauen bei iC consulenten, Claudiu Silvestru, über Ansätze, Trends und Innovationen bei der Sanierung historischer Gebäude

Interview mit Claudiu Silvestru, Projektleiter Nachhaltigkeit bei iC consulenten, über Ansätze, Trends und Innovationen bei Projekten zur Rekonstruktion und Restaurierung von Kulturerbe. Über die Auswirkungen unseres Eingreifens in einem historischen Moment, die Bewahrung des kulturellen Erbes und die Umsetzung der Prinzipien der Kreislaufwirtschaft im Wiederaufbauprozess: Wir diskutieren Themen, die für die ganze Welt relevant, für die moderne Ukraine jedoch besonders dringlich sind.

Claudiu Silvestru ist ein in Rumänien geborener Architekt (geb. 1984 in Cluj-Napoca) und Experte für Nachhaltigkeit mit Sitz in Wien, Österreich. Er verfügt über eine fundierte akademische Ausbildung: Er studierte Architektur an den Technischen Universitäten in Cluj-Napoca, Graz und Sevilla und promovierte an der Technischen Universität Wien im Fach Architektur. Seine berufliche Laufbahn ist geprägt von einem starken Engagement für die nachhaltige Sanierung historisch bedeutender Gebäude.

Seit 2024 ist Claudiu Silvestru als Projektleiter bei iC consulenten Ziviltechniker GesmbH tätig. Dort verantwortet er Projekte zur nachhaltigen Entwicklung bestehender sowie denkmalgeschützter Bauten. Er ist zertifizierter ÖGNI-Consultant, EU-Taxonomie-Berater (akkreditiert durch die ÖGNI – Österreichische Gesellschaft für nachhaltige Immobilienwirtschaft) sowie Rückbau-Experte gemäß ÖNORM B3151, registriert beim BRV (Bauprodukte Recycling Verein).

Claudiu Silvestru, Experte für kulturelles Erbe und Berater für nachhaltiges Bauen bei iC consulenten

Im Bereich des Kulturerhalts ist Claudiu Silvestru langjähriges Mitglied von ICOMOS Austria (nationale Sektion des International Council on Monuments and Sites). Seit 2024 ist er Co-Leiter der dortigen Arbeitsgruppe „Nachhaltigkeit und Kulturerbe“ mit Schwerpunkt auf Kreislaufwirtschaft. Darüber hinaus engagiert er sich in zwei internationalen wissenschaftlichen Komitees von ICOMOS – dem Scientific Committee on Energy and Sustainability sowie dem Committee on Interpretation and Presentation of Cultural Heritage Sites.

Claudiu Silvestru schlägt mit seiner Arbeit eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Er setzt sich für adaptive Wiederverwendung, Energieeffizienz und Prinzipien der Kreislaufwirtschaft bei der Sanierung von Bauwerken ein – mit dem Ziel, Baumaterialien wiederzuverwenden, die architektonische Authentizität zu bewahren und gleichzeitig Ressourcenverbrauch und Umweltauswirkungen zu minimieren. Für ihn sind historische Gebäude lebendige Erzählungen. Durch öffentliche Aufklärungsarbeit, Forschung und Planungspraxis fördert er eine nachhaltige Stadtentwicklung, die Identität, Erinnerung und soziale Werte respektiert.

iC consulenten Ziviltechniker GesmbH ist ein führendes österreichisches Ingenieur- und Beratungsunternehmen mit Standorten in ganz Europa und darüber hinaus. Mit über 40 Jahren Erfahrung bietet iC integrierte Lösungen in den Bereichen Infrastruktur, Umwelt und Nachhaltigkeit. Interdisziplinäre Teams arbeiten an anspruchsvollen Projekten für öffentliche und private Auftraggeber in den Bereichen Bauwesen, Mobilität, Energie sowie Denkmalpflege.

Das Unternehmen ist bekannt für seine Innovationskraft, Qualität und sein starkes Engagement für nachhaltige Entwicklung. Es bietet spezialisierte Dienstleistungen in den Bereichen Energieeffizienz, zirkuläres Bauen, grüne Zertifizierungen (einschließlich EU-Taxonomie-Konformität) sowie sensible Umnutzung und Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden.

Ausgewählte Referenzprojekte von iC consulenten in diesem Bereich:

  • Sanierung und Erweiterung des <strong>Wien Museums</strong> (abgeschlossen 2023) Wiener Stadtmuseum (Fertigstellung 2023);
  • Restaurierung des <strong>Theater an der Wien</strong> (abgeschlossen 2024) Theater an der Wien (Fertigstellung 2024);
  • Sanierung der Wohnanlage <strong>„Karl-Marx-Hof“</strong> (abgeschlossen 2021) "Karl Marx-Hoff" (Fertigstellung 2021);
  • Modernisierung des österreichischen <strong>Parlaments</strong> (abgeschlossen 2024) Parlament Österreichs (Fertigstellung 2024);
  • Sanierung des Privatspitals <strong>Rudolfinerhaus</strong> (abgeschlossen 2021) Rudolfinerhaus (abgeschlossen im Jahr 2021).
Das von Oswald Herdtl entworfene Gebäude des Wien Museums wurde 1959 eröffnet und ist ein Architekturdenkmal. Die iC wurde in Arbeitsgemeinschaft mit SPIRK + Partner mit der Bauleitung für das Projekt NEU Wien Museum beauftragt, einschließlich der Errichtung einer zusätzlichen Nutzfläche von 5,1 m², der Installation der elektrischen Anlagen sowie der Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen (MSR). Foto: Lisa Rastl, Wien Museum

PRAGMATIKA.MEDIA: iC consulenten ist ein Ingenieurbüro mit Erfahrung in Bauen im Bestand und historischen Denkmälern. Können Sie Ihre Erkenntnisse über Projekte in diesem Bereich teilen, insbesondere über die Herausforderungen und Besonderheiten bei der Arbeit mit solchen Objekten in Bezug auf Ingenieurleistungen und Projektmanagement?

Claudiu Silvestru: iC consulenten haben erfolgreich mehrere Bauprojekte im Bestand begleitet, sowohl an denkmalgeschützten als auch nicht denkmalgeschützten historischen Gebäuden. Wir bieten ein umfassendes Dienstleistungsspektrum, welches Projektmanagement, Bauphysik, Tragwerksplanung, spezialisierte Bestandsaufnahme und Planung sowie Nachhaltigkeitsberatung und Audits umfasst.

Als Architekt mit Spezialisierung auf nachhaltiges Bauen im Bestand, insbesondere im historischen Kontext, bin ich der Meinung, dass ein ganzheitlicher Ansatz für den erfolgreichen Abschluss solcher Projekte unerlässlich ist. Es erfordert die Koordination verschiedener Akteure – von Historiker:innen bis zu Ingenieur:innen – sowie die Zusammenarbeit mit öffentlichen Einrichtungen und der Öffentlichkeit. Eine der größten Stärken der iC consulenten ist, dass wir über verschiedene Ingenieurdisziplinen in-house verfügen. Dadurch können wir einen Großteil des interdisziplinären Dialogs intern steuern und den gesamten Prozess effizienter gestalten.

Durch den Umbau hat das Wien Museum mehr als 3 m² Fläche für seine Dauerausstellung gewonnen (statt bisher rund 2 m²). Foto: Kollektiv Fischka

Bei der Umsetzung von Projekten im Kulturerbe-Bereich ist eine enge Kommunikation mit der Zivilgesellschaft, NGOs und den Behörden für Denkmalschutz - in Österreich ist das das Bundesdenkmalamt - von entscheidender Bedeutung. Eine grundlegende Voraussetzung für den reibungslosen Ablauf eines Projekts ist der konstruktive Dialog mit allen Beteiligten. Dazu gehört das Verständnis für Sichtweisen der lokalen Gemeinschaft, der Behörden und – mit dem Ziel, eine gemeinsame Vision zu entwickeln, die alle mittragen.

PM: Claudiu, sind österreichische Ingenieure Ihrer Meinung nach weltweit führend in der Beplanung von historischen Gebäuden?

C.S.: Einem einzelnen Land die absolute Führungsrolle in diesem Bereich zuzuschreiben, wäre eine übertriebene Vereinfachung. Österreich ist zweifellos die Heimat hochqualifizierter Restaurierungsarchitekten und spezialisierter Ingenieurbüros. Dennoch ist es insbesondere bei weniger vertrautem Kulturerbe stets ratsam, lokale Experten einzubinden.

PM: Das Portfolio von iC consulenten umfasst die Generalsanierung des Parlamentsgebäudes in Wien – ein Großprojekt mit einem Budget von rund 1 Milliarde Euro. Wie konnte der reibungslose Betrieb des Parlaments und der Parlamentarier während dieses Prozesses sichergestellt werden?

C.S.: Wir waren und sind an mehreren bedeutenden Projekten im Bestand beteiligt, darunter die Generalsanierung des österreichischen Parlamentsgebäudes. Das von Theophil von Hansen entworfene Gebäude genießt internationale Anerkennung für seine architektonischen Qualitäten.

Als Bauwerk von herausragender architektonischer und historischer Bedeutung steht das österreichische Parlamentsgebäude unter Denkmalschutz. Foto: Bernhard Zofall, Parlamentsdirektion

Obwohl ich nicht direkt an diesem Projekt beteiligt war, erinnere ich mich, dass eine der größten Herausforderungen – wie könnte es anders sein – darin bestand, das Budget einzuhalten und gleichzeitig den engen Zeitplan zu bewältigen. Während der Bauphase wurde das Parlament in ein temporäres Bürogebäude auf dem Gelände der Hofburg verlegt. Dies hatte zwei wesentliche Auswirkungen: Erstens blieb das „Herz der österreichischen Demokratie“ weiterhin öffentlich sichtbar im Zentrum Wiens. Zweitens beeinflusste dieses temporäre Gebäude die Wahrnehmung der Außenanlagen der Hofburg, die Teil des UNESCO-Weltkulturerbes sind.

Ein großer Vorteil bei der Arbeit an einem so prominenten historischen Gebäude wie dem österreichischen Parlament ist, dass es umfangreich dokumentiert ist – sowohl in Bezug auf die Originalpläne als auch auf Baugeschichte, spätere Veränderungen, den Betrieb und das Nutzungsverhalten. Zudem sind sich die meisten Beteiligten – Auftraggeber:innen, Behörden, Planer:innen, Bauunternehmen usw. – zumindest in gewissem Maße des bauhistorischen Werts und der damit verbundenen Anforderungen bewusst. Dies erleichtert es, schnell in einen konstruktiven Dialog zu treten.

Das Sanierungsprojekt des österreichischen Parlaments stellte große Herausforderungen dar. Die Leistung von iC consulenten bestand in der begleitenden Kontrolle. Der Fokus des Projekts lag darauf, den historischen Charakter des Gebäudes zu bewahren und gleichzeitig modernen Erwartungen und Anforderungen gerecht zu werden. Foto: Christian Hikade, Parlamentsdirektion

PM: Können Sie uns anhand von Projekten, an denen Sie direkt beteiligt waren, die Besonderheiten der Renovierung historischer Gebäude erläutern?

C.S.:Zu den bedeutendsten Aufgaben zählte die Tätigkeit als Co-Leitender Architekt bei hochform.Architekten für die Umnutzung eines 40.000 m² großen historischen Gebäudes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts im Herzen Wiens. Das Projekt stellte erhebliche Herausforderungen dar, da Architektur und Bauphysik, entwickelt von iC consulenten, zusammenarbeiten mussten, um Lösungen zu schaffen, die den historischen Charakter des Gebäudes respektierten und gleichzeitig modernen Erwartungen und Anforderungen entsprachen. Diese Probleme sind typisch für die meisten Denkmalrestaurierungsprojekte aus dieser Zeit.

PM: Wurde die Nutzung des Gebäudes durch das Renovierungsprojekt verändert?

C.S.: Das Areal in der Postgasse 8–12 hat eine lange Geschichte, die von mittelalterlichen Bauten bis zur Hauptpost der Habsburger Monarchie in den 1850er-Jahren reicht. Durch das Mischnutzungsprojekt beherbergt das Gebäude nun Büros, Wohnungen, ein Hotel, ein Fitnessstudio sowie eine Kirche mit Bibliothek und Gemeindesaal, die von der griechisch-katholischen ukrainischen Gemeinde genutzt werden.

Das Areal in der Postgasse 8-12 hat eine reiche Geschichte, von mittelalterlichen Gebäuden bis zum Hauptpostamt der Habsburger Monarchie in den 1850er Jahren. Foto: OPTIN Immobilien GmbH

PM: Wurde die Kirche während der Rekonstruktion in das Gebäude integriert?

C.S.: Die Kirche St. Barbara war ursprünglich Teil eines spätmittelalterlichen Klosters und wurde in das Postgebäude der 1850er-Jahre integriert. In dieser Bauphase wurden drei Büroetagen über dem Kirchenschiff errichtet, hinter einer durchgehenden fünfstöckigen Kirchenfassade. Eines unserer Projektziele war es, die soziale Rolle der Pfarre zu stärken, indem wir Räume für eine Kirchenbibliothek und ein Pfarrzentrum vorsehen. Jede dieser Funktionen hat spezifische Anforderungen, wodurch ihre Integration im Bestandskorsett eine besondere Herausforderung darstellt.

Laut unserer nationalen Gesetzgebung muss ein Gebäude, welches eine Nutzungsänderung erfährt, den aktuelle Bauvorschriften entsprechen, die in der Regel für Neubauten konzipiert sind. Eine typische Hürde in diesem Zusammenhang betrifft z.B. historische Treppenhäuser, bei denen wir das Geländer anpassen mussten, um den heutigen Sicherheitsstandards zu entsprechen. Als Grundsatz für Gestaltung und Engineering haben wir versucht, mit und nicht gegen den Bestand zu planen. Zum Beispiel haben wir für neue vertikale Verbindungen für Haupt-HVAC-Schächte und erforderliche Aufzüge keine historischen Decken geöffnet, sondern diese in bestehende Innenhöfe integriert.

Claudiu Silvestru: „Der historische Wert des Kulturerbes spiegelt sowohl seine ruhmreiche als auch seine schwierige Vergangenheit wider, die die Gesellschaft anerkennen muss.“

Ein weiterer nennenswerter Aspekt dieses Projekts waren die ehemaligen Zimmer des Postdirektors. Diese Räume genießen aufgrund der teilweise vergoldeten Stuckatur an Wänden und Decken, der Holzvertäfelung, des historischen Parketts und der ursprünglichen Beleuchtung einen hohen Schutzstatus. Das Konservierungs- und Maßnahmenprogramm folgte zwei Prinzipien: den Alterswert sowie den authentischen Charakter der Räume zu bewahren und gleichzeitig die notwendige Gebäudetechnik zu integrieren, um zeitgenössischen Bürostandards gerecht zu werden. Zur Verbesserung der Energieeffizienz haben wir Isolierverglasungen in die innere Ebene der Kastenfenster eingebaut und ein neues Heizsystem hinter der bestehenden Parapetverkleidung integriert. Für die Leitungsführung haben wir entweder nur die historische Bordüre der Böden geöffnet oder das bestehende Parkett rückgebaut und vollflächig wiederverwendet. Für die Stromversorgung wurden Bodendosen in die Bordüre eingelassen. Darüber hinaus gelang es uns, die historischen Kronleuchter zu erhalten und darin moderne LED-Beleuchtung inklusive Sicherheitsbeleuchtung zu integrieren.

PM: Was hat die Renovierung dieses Gebäudes angestoßen?

C.S.: Das Projekt hat eine lange Geschichte mit mehreren Eigentümern und Konzepten. Nach dem Verkauf durch die Postverwaltung hat neuer Eigentümer Nr.XNUMX die Generalsanierung und Umnutzung initiiert. Wie bei den meisten Entwicklern üblich, die eher introvertierte und exklusive Wohn- oder Bürogebäude bevorzugen, war ursprünglich ein Mix aus Wohn- und Hotelnutzung vorgesehen, wobei das Projekt kurz vor Baubeginn gestoppt wurde.

Eigentümer Nr.XNUMX brachte eine andere Vision und versuchte, durch ein gut ausgewogenes Mischnutzungskonzept urbane Dynamik in einen ruhigen Wohnteil der Wiener Innenstadt zu bringen. Dieses Konzept spiegelt einen löblichen Ansatz in Bezug auf die Immobilienentwicklung wider: Anstatt die Quadratmeterzahl zu maximieren und großzügige Räume zu erzwingen, war das Ziel, Innenhöfe für die Allgemeinheit zu öffnen und Eingriffe in die räumliche Struktur zu minimieren. Der Eigentümer teilte - auch aus Gründen der Wirtschaftlichkeit - die Ansicht der Architekten, die Nutzung an das Gebäude anzupassen und nicht umgekehrt. Dieser Ansatz ermöglichte es der Planung, sich auf die Entwicklung technischer, restauratorischer und ästhetischer Detaillösungen zu konzentrieren, anstatt auf von Rendite getriebene große Gesten.

Das Konservierungs- und Interventionsprogramm verfolgte zwei Hauptziele: die Erhaltung des Wertes und des authentischen Charakters des Gebäudes und die Ausstattung mit der notwendigen Gebäudetechnik, die den modernen Bürostandards entspricht. Foto: OPTIN Immobilien GmbH

PM: Sie haben erwähnt, private Innenhöfe für die Allgemeinheit zu öffnen?

C.S.: Im Kontext dieses Projekts war eine Anforderung der Stadt Wien, einen Durchgang durch das Grundstück zu schaffen, um die Fußgängerzugänglichkeit im 1. Bezirk zu erhöhen. Das Gebäude verfügt jedoch über einen großzügigen Innenhof von tausend Quadratmetern, der eher einer kleinen Piazza ähnelt. Der zweite Eigentümer nutzte dies in seinem Mischnutzungskonzept: Das Hotelrestaurant öffnet sich zum Innenhof. Diesen haben wir wiederum durch unsere Planung zu den angrenzenden Straßen geöffnet, wodurch ein öffentliches räumliches Kontinuum entsteht. Um diese Zusammenhänge zu betonen und die Übergänge zu inszenieren, haben wir durch drei Achsen der Bestandsfassade ein großzügiges öffentliches Entree hergestellt.

PM: Werden Restaurierungsprojekte von historischen Gebäuden ausschließlich durch private Eigentümer finanziert, oder gibt es auch staatliche oder kommunale Unterstützung?

C.S.: Die Finanzierung der Restaurierung von Objekten im Privatbesitz obliegt hauptsächlich den privaten Eigentümern. Es gibt jedoch Initiativen wie den Altstadterhaltungsfonds der Stadt Wien, die finanzielle Unterstützung für die Restaurierung von Bauteilen bietet, die einen erheblichen Einfluss auf das Gesamtbild der Stadt haben - zum Beispiel historische Fassaden. Die Höhe der Unterstützung variiert je nach verschiedenen Faktoren, einschließlich der Anzahl der jährlich eingereichten Anträge. Co-Finanzierungs- oder Subventionssysteme gibt es auch auf Landes- und Bundesebene sowie in anderen Städte.

PM: Der Erhalt des kulturellen Erbes ist entscheidend für die ukrainische Identität, insbesondere angesichts begrenzter Ressourcen – finanzieller und personeller – und der Drohenden weiterer Zerstörungen durch russische Angriffe. Welche Schritte sollten priorisiert werden, um diese Herausforderungen anzugehen?

C.S.: Aus meiner Sicht ist ein wesentlicher Aspekt unserer Kulturerbe bezogenen Arbeit die Bewusstseinsbildung über dieses Erbe. Wir müssen als Gesellschaft einsehen, dass unsere Eingriffe auf historische Architektur langfristige und oft nicht umkehrbare Auswirkungen haben. Die Objekte, die wir aus der Vergangenheit bewahren – über verschiedene Epochen hinweg – und die wir für die Zukunft umnutzen, sind entscheidend für die Kontinuität in unserer Kultur. Diese Kontinuität des bewussten Erbens ist z.B. ein Wesenszug des UNESCO-Welterbes und dessen Konzepts eines herausragenden universellen Werts (Outstanding Universal Value).

Wenn es um die Zerstörung durch Kriege und bewaffnete Konflikte geht, gibt es Schutzmechanismen wie die Haager Konvention oder internationale Nichtregierungsorganisationen wie Blue Shield, die aktiv am Schutz des kulturellen Erbes beteiligt sind. Ihre Effektivität hängt jedoch vom internationalen Druck und der Reaktion des Aggressors ab.

Das Theater an der Wien, eine traditionsreiche Opernbühne der Vereinigten Bühnen Wien (VBW) und Teil der Wien Holding, wurde zwischen 2022 und 2024 umfassend generalsaniert und im Oktober 2024 feierlich wiedereröffnet. Ziel der Maßnahmen war es, das unter Denkmalschutz stehende Haus baulich, technisch und funktional zukunftsfit zu machen – bei gleichzeitiger Bewahrung seiner historischen Substanz. Die Sanierung umfasste unter anderem die Modernisierung der Haustechnik, eine Erweiterung des Foyers mit Terrasse und Öffnung zum Naschmarkt, Verbesserungen bei Brandschutz und Barrierefreiheit sowie eine umfassende Renovierung des Vorder- und Hinterhauses. Die neugestalteten Pausenräume und die technische Aufrüstung ermöglichen nun ein zeitgemäßes Theatererlebnis auf höchstem Niveau. Dieses ambitionierte Projekt wurde von der Stadt Wien, der Wien Holding und den Vereinigten Bühnen Wien gemeinsam realisiert – als Investition in die kulturelle Zukunft der Stadt. Foto: Peter M. Mayr

Ein weiterer entscheidender Aspekt beim Wiederaufbau und der Verwaltung restaurierter Stätten ist der Kapazitätsaufbau, da es eine erhebliche Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften geben wird. Aus meinen Gesprächen mit Kollegen bei IC Ukraine geht hervor, dass dem Land präzise Daten über die Anzahl der verfügbaren Handwerker und Experten für Restaurierung fehlen. Der Aufbau eines strukturierten Systems, welches es ermöglicht, Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten so schnell wie möglich zu beginnen, ist etwas, bei dem die internationale Gemeinschaft helfen kann. Der Kapazitätsaufbau sollte so bald wie möglich priorisiert werden, bevor umfangreiche Wellen an Restaurierungsarbeiten beginnen.

Ein dritter wichtiger Aspekt ist die schnelle Digitalisierung von denkmalgeschützten Gebäuden und Archivmaterialien. Die Digitalisierung von Gebäuden erfordert erhebliche Anstrengungen, aber ebenso wichtig ist die Digitalisierung historischer Pläne und Dokumenten, um technische Daten der Baugeschichte als Grundlage für mögliche Interventionen zu nutzen. Ich bin mit dem Stand der Digitalisierung von Archivmaterialien in der Ukraine nicht im Detail vertraut. In Österreich haben wir aber beträchtliche Herausforderungen im Hinblick auf Gebäude von “geringerer” historischer Bedeutung. Häufig existieren architektonische Pläne nur vereinzelt in physischen Archiven, ohne digitale Backups. Zum Beispiel arbeiten wir in Wien an der Restaurierung einer Sezessionsfassade, und der Zugang zu den erforderlichen Papierplänen erwies sich aufgrund der Archivzugänglichkeit, fehlenden Dokumenten und einer schlechten Digitalisierungsinfrastruktur vor Ort als herausfordernd.

PM: Ist es schwierig, auf Archivdokumente, selbst in Wien, zuzugreifen?

C.S.: Der vorliegende Digitalisierungsumfang hängt weitgehend vom Bekanntheitsgrad des Gebäudes und den Eigentumsverhältnissen ab. Für hochkarätige Objekte wie das Parlamentsgebäude, die bekannt sind und öffentliches Interesse wecken, sind historische Pläne in der Regel bereits digitalisiert. Im Gegensatz dazu erhielten und erhalten private Gebäude, auch wenn sie von hoher architektonischer Qualität sind, selten die gleiche Aufmerksamkeit – insbesondere, wenn sie nicht als Denkmäler eingetragen sind. Obwohl die Digitalisierung erhebliche Anstrengungen erfordert, verfügen wir derzeit über die notwendigen Werkzeuge, um den Prozess zu optimieren. Wir können Pläne schnell digitalisieren und relativ genaue 2D- und 3D-Darstellungen aus Bildern und Papierdokumenten erstellen. Die Hauptschwierigkeit liegt nicht im technischen Bereich; vielmehr müssen wir den Prozess anstoßen und die Ressourcen zur Verfügung stellen, um ihn effektiv umzusetzen.

Das Gebäude der Privatklinik Rudolfinerhaus wurde im März 1945 schwer beschädigt, aber in den Nachkriegsjahren wieder aufgebaut. Foto: Stugeba Mobile Raumsysteme GmbH

„Sanierung und Renovierung bestehender Gebäude ist 1 % Inspiration und 99 % Design“

PM: Welche Zielgruppen sollten Ihrer Meinung nach angesprochen werden, um den Erhalt historischer Gebäude zu fördern?

C.S.: Es ist entscheidend, sich vor allem auf die öffentliche gesellschaftliche Wahrnehmung zu konzentrieren, insbesondere wenn es darum geht, die Einstellung zur Geschichte zu verändern. Ich komme aus Siebenbürgen, wo unser urbanes Kulturerbe von verschiedenen Einflüssen aus der Vergangenheit geprägt ist: der österreichisch-ungarischen Monarchie, rumänischen, ungarischen und deutschen ethnischen Gruppen in historisch unterschiedlichen hierarchischen und religiösen Zusammensetzungen sowie dem kommunistischen Ansatz zur sozialen Urbanisierung, um nur einige zu nennen. Wir als lokale Gesellschaft müssen all diese Aspekte kritisch betrachten und gleichzeitig als Teil unseres Erbes akzeptieren.

In Rumänien war diese Akzeptanz aufgrund vergangener ethnischer Spannungen nicht immer einfach. Nach dem, was ich von Kollegen in der Ukraine gehört habe, kämpfen sie mit ähnlichen Problemen. Diese Beziehung der Gesellschaft zur historischen Architektur ist sehr wichtig, weil sie der Schlüssel zum Prozess des “Erbens” und zur Wertschätzung des kulturellen Erbes ist. Ein geringes gesellschaftliches Bewusstsein ist ein guter Nährboden für politische Diskurse, die das kulturelle Erbe instrumentalisieren.

Soweit ich das ukrainische Gesetz zum Schutz des kulturellen Erbes verstehe, erfordern Denkmäler aus der kommunistischen oder russisch-imperialistischen Zeit eine gesonderte Analyse, um festzulegen, ob sie im Verzeichnis denkmalgeschützter Objekte erhalten bleiben oder davon ausgeschlossen werden sollen. Dieser Ansatz mag vernünftig erscheinen, wenn man die Instrumentalisierung von Architektur und kulturellem Erbe bedenkt; jedoch sollten wir Gebäude, die einen integralen Bestandteil der Geschichte repräsentieren, als eben solche akzeptieren – der historische Wert des Erbes spiegelt sowohl die glorreiche als auch die unangenehme Geschichte wider, der sich die Gesellschaft bewusst sein muss.

Ein Beispiel hierfür sind die massiven Flaktürme aus Stahlbeton, die vom Nazi-Regime in Wien errichtet wurden: Der ursprüngliche Plan war, diese Bauwerke mit Marmorfassaden zu schmücken und sie als Monumente für einen glorreichen Krieg in Szene zu setzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg löste ihre monumentale Präsenz in der Stadt Diskussionen darüber aus, ob sie abgerissen oder erhalten und ihre Bedeutung neu überdacht werden sollte.

Im Rahmen des Projekts Rudolfinerhaus 2020 wurde das Klinikgebäude modernisiert und erweitert. Foto: Stugeba Mobile Raumsysteme GmbH

Obwohl es Pläne gab, sie zu zerstören, machte ihre schiere Größe und die robuste Betonbauweise dies schwierig. Für einige dieser Türme wurden Umnutzungskonzepte entwickelt und umgesetzt. Zum Beispiel beherbergt einer dieser Türme heute ein Aquarium mit zusätzlichen Ausstellungsraum zur Baugeschichte und Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg. Durch diese kritische Neudeutung wurden die Türme als historische Wahrzeichen und Erinnerungen an eine dunkle Stunde unserer Geschichte erhalten.

PM: Die Digitalisierung ist ein entscheidendes Werkzeug für den Denkmalschutz. In der Ukraine schreitet die Digitalisierung von Architekturdenkmälern aktiv voran. Welche Praktiken sollten implementiert werden, um die Restaurierungsbemühungen zu verbessern?

C.S.: Bei der Diskussion über Gebäudeerfassung mittels Laserscanning ist es wichtig zu beachten, dass der Prozess zwar schnell und unkompliziert geworden ist, die dabei erzeugte Punktwolke jedoch keine Metainformationen enthält. Der nächste Schritt besteht darin, den Übergang zum Heritage Building Information Modeling (HBIM) zu beschleunigen. HBIM ermöglicht das Modelieren von Bauphasen und die Integration von Archivunterlagen, Befunde, früheren Restauratorenberichten und anderen wichtigen Dokumenten bauphasenbezogen in das Modell. Auf diese Weise haben Planer beim Zeitpunkt einer Intervention Zugriff auf alle relevanten Informationen zum Bauwerk, wodurch sichergestellt wird, dass die Interventuonen auf einem gut dokumentierten historischen Kontext basieren.

Das Rudolfinerhaus vereint die medizinische Exzellenz eines modernen Gesundheitszentrums mit dem Komfort eines Luxushotels – ergänzt durch eine 5 m² große Gartenanlage, die der Erholung und Rehabilitation der Patient:innen dient. Eine dreigeschossige Tiefgarage mit 200 Stellplätzen sowie sieben Ladestationen für Elektrofahrzeuge rundet das Angebot ab. Foto: IC-Gruppe

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, wie wir diese digitalisierten Modelle über die Restaurierung hinaus nutzen, insbesondere im langfristigen Management und dem Monitoring z.B. von Schäden. Dies ist entscheidend im gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes.

Diese langfristige Betrachtung ist die Ausgangslage eines umfassenden Conservation Management Plans (CMP). Das ist ein Strategiedokument, welches nicht nur die Rahmenbedingungen physischer Eingriffe festlegt, sondern auch die Werte des Gebäudes und den Zweck der Erhaltungsmaßnahmen klärt . Ein gut strukturierter CMP positioniert ein Gebäude effektiv in seinem historischen Kontext und betont seine Bedeutung auf lokaler, nationaler und sogar internationaler Ebene. Daraus resultierend erfolgen detaillierte Bewertungen und die Definition von Konservierungsmaßnahmen sowie notwendigen Eingriffen. Der CMP stellt damit sicher, dass die Werte des Gebäudes erhalten bleiben und gleichzeitig Herausforderungen in Bezug auf Benutzerfreundlichkeit, zeitgenössische Anforderungen oder den Klimawandel adressiert werden. Des Weiteren definiert der CMP die erwähnten Überwachungs- und Managementsysteme, um den Zustand und die Leistung des Gebäudes in der Betriebsphase zu verfolgen.

Derzeit befassen sich sowohl die akademische Forschung als auch die Industrie mit den Herausforderungen, die mit der Weiterentwicklung von HBIM für den Denkmalschutz verbunden sind. Die Zukunft der Konservierung ist eng mit der Digitalisierung verbunden, und der Übergang von der Digitalisierung zur praktischen Umsetzung in der Restaurierung sowie im langfristigen Management und Monitoring bleibt ein komplexer Aspekt.

PM: Können Sie den Unterschied zwischen HBIM und BIM erklären?

C.S.: Der Unterschied betrifft einerseits die Modellgenauigkeit und andererseits die Informationstiefe. BIM (Building Information Modeling) ist ziemlich geradlinig – es wurde für Neubauten entwickelt und basiert auf der Verwendung neuer, gut dokumentierter Materialien, einer Vielzahl von Standards und standardisierten Elementen. Es wird außerdem in der Planungsphase mit einem bestimmten zugewiesenen Budget implementiert. Die Herausforderung bei HBIM (Historic Building Information Modeling) entsteht jedoch, wenn es um Bauwerke geht, die vor der breiten Standardisierung in der zweiten Hälfte des XNUMX. Jahrhunderts errichtet wurden, wo beispielsweise keine Wand vollkommen eben und vertikal ist und keine zwei Fenster identisch sind. Darüber hinaus entstammen diese Bauteile unterschiedlicher Bauphasen, die im Modell zu erfassen sind.

Irgendwann muss man erkennen, dass das Modell nicht als perfekter digitaler Zwilling dienen kann und soll – wegen der abzubildenden Komplexität sich überlagernder Bauphasen aber auch aufgrund von Budget- und Zeitbeschränkungen. Stattdessen sollte es als ein 3D-Container von Metadaten als kritische Komponente betrachtet werden. Zum Beispiel, wenn man Fenster modelliert, würde ich sicherstellen, dass mindestens die XNUMXD-Informationen, die für Gebäudesimulationen und -analysen erforderlich sind, berücksichtigt werden und dass weitere geometrische Unterschiede in konsistenten Metadaten beschrieben werden. Dies könnte z.B. verschiedene Arten von Fensterprofilen, historische Verglasungen oder unterschiedliche Details zu Beschlägen sowie Änderungen durch frühere Eingriffe umfassen.

Auch die Zielgruppe macht HBIM grundlegend anders als die konventionelle BIM-Modellierung. Jedes HBIM-Projekt ist komplexer in der Erstellung, muss jedoch benutzerfreundlicher sein. Das Hauptziel von BIM ist es, Prozesse und Elemente zu standardisieren. Im Gegensatz dazu muss das Wesentliche von HBIM seine Fähigkeit sein, eine Vielzahl unterschiedlicher Elemente zu verwalten und dabei gleichzeitig Menschen mit begrenztem BIM-Wissen und hoher Handwerkskunst zu ermöglichen, effektiv mit den Modellen zu arbeiten.

Das Rog Centre, ein internationales kreatives und soziales Zentrum in Ljubljana, das optimal in die lokale Gemeinschaft integriert ist, wurde auf dem Gelände der ehemaligen Fahrradfabrik Rog errichtet. Die zwischen 2010 und 2023 durchgeführten Arbeiten umfassten den Umbau des bestehenden Gebäudes mit einem neuen 9 m² großen Anbau, den Bau einer Tiefgarage mit einer Fläche von etwa 3 m² und die Entwicklung eines neuen 8 m² großen Parks. Die Stadtverwaltung von Ljubljana investierte 30 Millionen Euro in die Arbeiten. Die Dienstleistungen wurden von Elea iC erbracht und umfassten insbesondere das Gestaltungskonzept, die Projektdokumentation, die Detailplanung, die Tragwerksplanung und die Bestandsdokumentation. Foto: Ana Skobe

PM: Claudiu, wie kann moderne Technologie die Konservierung eines Gebäudes unterstützen? Unterscheiden sich die Ansätze je nach dem Zeitalter, aus dem das Denkmal stammt?

C.S.: Im Kontext moderner Werkzeuge konzentriert sich unser Fokus nicht nur auf die Digitalisierung, sondern auch auf Bautechnologien und -techniken. Der aktuelle Trend hin zu nachhaltigen Gebäuden und adaptiver Wiederverwendung bietet eine günstige Ausgangsposition für die Bearbeitung historischer Gebäude - insbesondere solche, die vor der XNUMX. Hälfte des XNUMX. Jahrhundert errichtet wurden. Aufgrund der historisch einfachen Bautechnologie mit wenigen unterschiedlichen Materialien und ohne Klebeverbindungen passen diese perfekt in Ansätze wie Reparierbarkeit, Rückbau, Wiederverwendung von Bauteilen und Recycling. Ihre Baumasse unterstützt passive Heiz- und Kühlstrategien. Gleichzeitig stellen sie jedoch auch verschiedene Herausforderungen dar – zum Beispiel für Niedertemperatur-Heizsysteme, da sie nicht nach den Prinzipien der Luftdichtheit entworfen wurden. Wir müssen effektive projektbezogene Lösungen finden, die die Stärken eines bestehenden Gebäudes mit durchdachten Eingriffen an der Gebäudehülle, Upgrades der Heizung oder Änderungen der Energieversorger kombinieren. Obwohl viele Lösungen für diese Herausforderungen mittlerweile gut etabliert sind, hat jedes Projekt seine kleinen Abweichungen vom theoretischen Standard.

Eine komplexe Herausforderung ergibt sich jedoch bei Gebäuden, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden, insbesondere zwischen den 1950er und 1990er Jahren. Diese Gebäude verwenden oft minderwertige Baumaterialien und enthalten Schadstoffe. Viele dieser Gebäude wurden aufgrund der Nachkriegsbedingungen und wirtschaftlicher Krisen in Eile errichtet.

„Ein zentraler Aspekt ist, wie wir digitalisierte Modelle nach der Restaurierung nutzen, insbesondere für das langfristige Schadensmanagement und -monitoring.“

Eine dringende Frage, die wir uns stellen müssen, ist, wie wir diese Gebäude im Kontext von Nachhaltigkeit und Klimawandel angehen können, mit ihren dünnen Wänden, schlechter Isolierung und restriktiven Raumgeometrien. Hochwertige Bauteile aus Sichtbeton stellen eine zusätzliche Herausforderung dar. Im Gegensatz zu anderen Materialien können diese Oberflächen nicht spurlos restauriert werden, so dass Risse immer als Zeitzeugen sichtbar bleiben.

PM: Claudiu, wie steht Österreich allgemein zur Nachkriegsarchitektur, insbesondere zum Modernismus und Brutalismus? Gibt es Beispiele für solche Gebäude, die unter Denkmalschutz gestellt und restauriert wurden?

C.S.: Meiner Meinung nach werden derzeit Nachkriegsgebäude zu wenig als historische Denkmäler gewürdigt. Das liegt zum Teil an der öffentlichen gesellschaftlichen Wahrnehmung von baukulturellen Erbe und Denkmalschutz, die diese Bauwerke oft nicht als historisch bedeutend einschätzt. Obwohl sich dies langsam verändert, ist der Prozess eher zögerlich. Es gibt jedoch internationale Initiativen wie DOCOMOMO, die sich auf diese Bauzeit konzentrieren. DOCOMOMO ist eine internationale Vereinigung, die sich der Dokumentation der modernen Architektur widmet.

Während sie viele Gebäude aus Österreich in ihrer Datenbank auflisten, stehen die meisten davon nicht unter amtlichem Denkmalschutz - trotz ihres hohen architektonischen Werts und ihrer typologischen Bedeutung sowie der historischen Ereignisse, die sie repräsentieren.

Es wurden und werden aber auch Gebäude dieser Epoche denkmalfachlich restauriert. Beispielsweise war bei der Restaurierung der Villa Razek das Bundesdenkmalamt an der Entwicklung eines Best-Practice Conservation Management Plan beteiligt. Ein weiteres bemerkenswertes Projekt, bei dem iC consulenten tätig waren, ist die Sanierung des Karl-Marx-Hofs in Wien, eine große Wohnanlage, die nach dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde. Diese Architektur war für die damalige Zeit wegweisend, da sie grundlegende Gemeinschaftsdienste und Räume für die Menschen bot, um sich zu versammeln und ihre Freizeit zu verbringen. Die zeitgenössische Projektentwicklung kann von solchen Beispielen lernen, wie Wohnbau den sozialen Zusammenhalt fördern kann.

Der große Wohnkomplex Karl-Marx-Hof in Wien wurde nach dem Ersten Weltkrieg errichtet. Diese für die damalige Zeit innovative Architektur bot wichtige öffentliche Dienstleistungen und Orte, an denen die Menschen zusammenkommen und ihre Freizeit verbringen konnten. Foto: C.Stadler/Bwag, commons.wikimedia.org

PM: Also, bei der Renovierung von Gebäuden aus dieser Zeit, ist es wichtig, ihre Funktionalität neu zu überdenken?

C.S.: Es ist wichtig zu betonen, dass die meisten Initiativen zur Akzeptanz und zum “Leben” historischer Gebäude, nicht auf diejenigen ausgerichtet sind, die unter Denkmalschutz stehen. Stattdessen werden diese Initiativen oft durch das Bewusstsein und das Engagement der Nutzerinnen oder von NGOs vorangetrieben. Als Anekdote nehmen wir zum Beispiel Alterlaa: Diese Satellitenstadt aus den 1970er Jahren verfügt über eine eigene umfangreiche Infrastruktur, einschließlich Sporteinrichtungen wie Schwimmbäder und Fußballplätze. In den 1990er Jahren gründeten einige Anwohner einen Fernsehsender, um relevante Informationen für die Gemeinschaft bereitzustellen. Nach enorm positiven Auswirkungen auf die Kommunikation und den sozialen Zusammenhalt, besonders während der COVID-19-Lockdowns, ist der Sender bis heute aktiv. Dies unterstreicht ein wachsendes Bewusstsein und Bedürfnis der Nutzer:innen, sich zunehmend mit ihrem gebauten Umfeld zu identifizieren und die Verschmelzung von Kulturerbe und ihrer Alltagskultur zu erkennen.

„Die Integration der Prinzipien des zirkulären Bauens und der Wiederverwendung in die Lehrpläne der Universitäten ist unerlässlich, um die Studierenden optimal auf ihre zukünftige Karriere vorzubereiten.“

PM: Ein weiteres wichtiges Thema, das Sie angesprochen haben, ist die Entwicklung von Fachkapazitäten. In der Ukraine wird derzeit aktiv über die Reform der Konservierungssausbildung und die Schulung von Konservierung an Architekturfakultäten diskutiert. Welche Schlüsselaspekte sollten in die Lehrpläne für zukünftige Konservierungsarchitekten aufgenommen werden? Und wie wird dies in Österreich gehandhabt?

C.S.: Es hat sich seit meinem Studium vieles geändert. Mittlerweile beschäftigen sich fast alle Institute an Architekturfakultäten in Wien mit dem Bauen im Bestand. Bei einem kürzlichen Besuch auf einer Baustelle mit Studierende der Akademie der bildenden Künste Wien haben wir gefragt, wer nach dem Abschluss gerne im Bestand und wer lieber im Neubau arbeiten würde. Kein einziger Studierende entschied sich für den Neubau.

Das zeigt einen klaren Trend zum Bauen im Bestand. Allerdings stehen wir vor zwei wesentlichen Herausforderungen. Erstens gibt es einen unzureichenden Austausch im Studium mit der Bauindustrie und den handwerklichen Restauratoren. Zweitens ist Restaurierung im Wesentlichen eine handwerkliche Tätigkeit, die auf Detailsorgfalt und Fokus auf Wiederverwendung von Bauteilen beruht, was wiederum zentral für unsere aktuellen Bemühungen in Richtung des zirkulären Bauens ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass es entscheidend ist, die Prinzipien des zirkulären Bauens und der Wiederverwendung im Universitätslehrplan zu integrieren, um die Studierenden angemessen auf ihr zukünftiges Berufsleben vorzubereiten.

Der Karl-Marx-Hof zeigt, wie Wohnarchitektur zur Förderung des sozialen Zusammenhalts beitragen kann – ein Vorbild, von dem der moderne Wohnungsbau profitieren kann. Foto: IC-Gruppe

Ich denke auch, dass wir einen parallelen Fortbildungsweg für Personen einführen müssen, die bereits in Planung und Bau tätig sind. Universitätsabsolventen haben in der Regel erhebliches theoretisches Wissen, aber wenig praktische Erfahrung. Auf der anderen Seite finden Fachleute mit Bauerfahrung die Konzepte der Wiederverwendung und Zirkularität zwar ansprechend, wissen aber nicht, wie das mit Ihren etablierten Arbeitsweisen zusammenpassen soll. Wir stoßen auf ähnliche Herausforderungen wie vor einigen Jahren bei der Einführung des Building Information Modeling (BIM). Universitätsabsolventen verstanden BIM theoretisch, konnten modellieren, waren jedoch jung und unerfahren, während erfahrene Fachleute in der Branche mit der praktischen Anwendung Schwierigkeiten hatten. Es hat eine Weile gedauert, diese Lücke zu überbrücken.

Capacity-Building-Programme, die nicht an universitäre Credits-Systeme oder langfristige Studiengänge gebunden sind, können eine effektive Lösung darstellen. Diese Programme könnten Fachleuten, die bereits im Bauwesen tätig sind, helfen, ihre Expertise zu erweitern und so einen reibungsloseren Übergang zu nachhaltigeren und zirkularitätsorientierteren Praktiken zu ermöglichen. iC consulenten arbeiten an einem Projekt zur Entwicklung eines Kurses, der sich auf Capacity Building für die zirkuläre Wiederverwendung von historischen Bauelementen konzentriert. Gleichzeitig untersuchen wir, wie wir diesen Ansatz effizient und schnell auf den Markt bringen können.

PM: Was sind Ihrer Meinung nach die Schlüsselaspekte, die in neue Universitätsprogramme aufgenommen werden sollten?

C.S.: Zunächst sollte ein viel größerer Fokus auf das Studium von Materialien gelegt werden. Aus meiner Erfahrung als Student in Österreich, Spanien und Rumänien sowie dem Austausch mit jüngeren Kolleg:innen ist es offensichtlich, dass es in der architektonischen Ausbildung seit langem einen Schwerpunkt auf die konzeptionelle Entwicklung gibt. Studierenden fehlt jedoch oft die notwendige Mikro-Betrachtung. Sie müssen sich mit Materialien im Detail beschäftigen, mit Bauchemie und Bauphysik. Architektonische Interventionen am Bestand sollten unter Berücksichtigung nicht nur des Kulturerbes, sondern auch der ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit verstanden werden und sich primär auf ein Detailverständnis von Konservierung, Restaurierung und Umnutzung konzentrieren; um das bekannte Zitat zu paraphrasieren: Bauen im Bestand ist 1% Inspiration und 99% Ingenieurskunst. Letzteres ist das Werkzeug, das Studierende erwerben müssen, um das erste zu ermöglichen.

Um einige konkrete Beispiele von Anforderungen zu nennen: Beim Abschluss sollten die Studierenden in der Lage sein, mit Fachleuten aus der Materialindustrie zu diskutieren, um zu entscheiden, ob die Lösungen, die sie vorschlagen, für bestehende Gebäude geeignet sind. Außerdem sollten sie darin geschult werden, schädliche Schadstoffe zu erkennen, die im Bestand verbaut sind. Darüber hinaus sollten sie Projekte aus der Perspektive des Lebenszyklus analysieren können, mit Fokus auf Kreislaufwirtschaft.

„ICOMOS International verfügt über mehrere internationale wissenschaftliche Komitees, die sich mit den technischen Aspekten historischer Gebäude befassen.“

PM: Gibt es eine globale Gemeinschaft von Restauratoren?

C.S.: Es gibt mehrere internationale Interessengruppen und Verbände im Bereich des Kulturerbes. Es gibt auch erheblichen Druck, an Veränderungen mitzuwirken, wobei ein starker Fokus auch auf Ingenieurwissenschaften und umfassender Entwicklung von Regelungen liegt. Zum Beispiel gibt es bei ICOMOS International mehrere International Scientific Committees, die sich mit ingenieurtechnischen Aspekten historischer Gebäude befassen, wie zum Beispiel "Structures of Architectural Heritage" oder "Energy and Sustainability" (ISCES). Besonders bei sehr dynamischen Themen wie dem Klimawandel, der sowohl regionale als auch nationale und internationale Auswirkungen hat, bietet ISCES eine gute Plattform für einen internationalen Austausch, um die unterschiedlichen legislativen Ansätze in den einzelnen Staaten zu erörtern. Zum Beispiel führen wir derzeit einen intensiven Austausch über die nationale Umsetzung der europäischen Energy Performance of Buildings Directive (EPBD), bezogen auf Gebäuden von architektonischem Wert.

Ein weiteres wichtiges Thema, welches wir auch bei ICOMOS Austria aufgreifen, ist die Kreislaufwirtschaft und Wiederverwendung, zu dem wir letzten Dezember in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt eine Konferenz organisiert haben. Wir brachten Experten aus den Bereichen Denkmalpflege und nachhaltiges Bauen zusammen, die Aspekte wie historische Wiederverwendung, rechtliche Rahmenbedingungen, Lebenszyklusbetrachtungen, Pre-Demolition-Audits und zirkuläre Geschäftsmodelle im Sanierungssektor behandelten. Während alle diese Tätigkeitsbereiche ein gemeinsames Interesse am Thema Kreislaufwirtschaft teilen, gibt es noch viel zu tun, um die Theorie in die alltägliche Baupraxis zu übertragen.